Der Prozessor Zeitstücke

Impressionen meiner Werke

Leserinfrage in einem Kommentar zum „Prozessor“: »Wie geht Sawina mit ihrem Schicksal um?«

Verehrte Lektürefreundin.

Sehr resolut rational hebt Sawina (ab S. 87, Bahnfahrt) ihr Geschehenes ins Kalkül.

… Noch einmal ergab sich qualvolle Zeit zu überlegen, über etwas, was bis vor Kurzem noch undenkbar schien.

… Später bot Sawina hilfreich der Gleichgültigkeit ihre Hand. Es war schlicht egal, wie alles laufen würde. Zu nahe, ja, hautnah war hässliches Schicksal an sie herangetreten und würde weiterhin zugreifen.

Statt in meiner Antwort direkt auf Romangestalt Sawina einzugehen, was nur umfangreich auszuführen wäre, entschloss ich mich, den Weg ihrer Konfliktlösung im Allgemeinen zu reflektieren. Gleichwohl hoffe ich damit, Ihrer Absicht zu genügen.

Zeitstücke – ein Rigorosum

Wir unterliegen zwar kontinuierlichem Zeitlauf, leben und erleben aber eigentliche Zeitstücke im Groben wie im Kleinen.

Im Groben trennen wir unser Kontinuum in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Sie sind uns die routinemäßig bekannten großen Zeitstücke. Wobei die Vergangenheit, da in ihr weder noch etwas zuzufügen noch Geschehens zu nehmen ist, aus aktiver Zeit herausfällt. Wir befinden uns hier nicht mehr in Interaktion mit der Zeit, sondern wechseln in den geschlossenen Raum von Erinnerung. Konsequenterweise gibt es hier nun auch kein Verfallsdatum, was wiederum beweist, dass man sich im Raum bewege, wie Jean-Paul Sartre in seinem Theaterstück „Geschlossene Gesellschaft“ zeigt. «Inés: Man stirbt immer zu früh – oder – zu spät. Und nun liegt das Leben da, abgeschlossen; der Strich ist gezogen, fehlt nur noch die Summe. …» Hier hinzuzufügen bleibt: Ergänzend zur Summe mangelts der Zeit – ihr fehlen die Zeitstücke.

Aktiv ab diesem Raum zerlegt man die Zeit in noch kleinere Stücke. Zum Beispiel: War etwas schlecht oder falsch gelaufen und dieses ist nun vorbei oder behoben, erlebt man ab Ergebnis dies als gut. Ist etwas gut gelaufen, war es schön, so bedauert man es darum, weil es vorbei ist! Es ist passé.  Wir sind wieder bei der Gegenwart in der Vergangenheit. In diesen Gemütsbewegungen unterliegt man nachgängig einem radikal geführten Bewertungswechsel ins direkt gefühlte Gegensätzliche, welcher die Zeit in Erlebensstücke zerschneidet. Verwoben in privat paralleler Interaktion bricht man somit die Zeit in nochmals kleinere Zeitstücke auf. Vergessen aber wurde: Die zu lobenden oder zu bedauernden Zeitstücke sind dem Raum verfallen, sie sind stationär. Doch im anschließenden, weiteren  Angetansein von der Sache selbst, bleibt und fühlt man weiterhin in der  Jetztzeit ─ in fortschreitender kontinuierlichen Zeit.

Der affektive Grenzübertritt vom stationären Raum zur bewegten Zeit ist ein verborgener Bruch  kontant geglaubter Wahrnehmung. Man bleibt durch den markanten Gefühlswechsel aus dem stationären Raum nachfolgend hinein in lebendige Zeit bodenlos, zuweilen bindungslos irritiert zurück. »Bleibe hier! Weiche nicht«, warnt der Raum. »Komm mit! Eile mit!«, ruft die Zeit. Und zwischen beiden her- und hin gerissen, nehmen leichte oder schwere Gemütsverstimmungen ihren Lauf.

Diesem Konflikt kann man entgehen, wenn man in einer Art gesunden Stoffwechsels bewusst die Zeit in ─ Stückwerke ihrer Zeiten  ─ zerlege. Dann formt man die verbogenen Zeitstücke so um, dass sie bearbeitbar werden. Um also glücklich, zumindest zufrieden zu bleiben, erkenne man alle Zeitstücke im Raum, um sie mutig und couragiert im realistischen Bewusstsein zu entsorgen. Auch wenn etwas gut war, werfe man Teil und Stück rigoros von sich, um nachfolgenden Bedauern zu entgehen. Zumindest erleichtert dies so manchen Neuanfang.

Exakt diese Bewältigungsstrategie ist der Fahrplan von Sawinas Bahnfahrt nach Hause.

Mit freundlichen Grüßen, Ihr Ingo R. H. Treuner

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.