Social Media Postfaktisches Zeitalter

Impressionen meiner Werke

Krise der Rationalität

Zunahme von Pseudofakten oder warum Postfaktisches Zeitalter

Was heute in den sogenannten Social-Medien durchdefiliert und, je mehr es sich von ursächlicher Quelle des beschriebenen Ereignisses oder primär genannter begrifflicher Substanz entfernt, umso wertloser wird die Information, denn in anschwellender Summe von Beiträgen zur gleichen Sache wächst kein Mehrwert von Wissen hinzu. Hält man sich an die klassische Formel von Wachstum: «Kombinieren von Stoffen zu etwas, was für den Menschen wertvoller ist als die Ausgangsressourcen», dann beweist sich die Eingangsbehauptung von selbst. Es lohnt sich, über diesen Medienmarkt der Moderne mit Handel von mehrheitlich Gebrauchswerten gegen Null, nachzudenken. Das Schachspiel bietet sich als Ausgang weiterer Überlegung an.

Denken wir uns, dass das Schachspiel nicht als Brettspiel erfunden worden wäre, sondern als Spiel, das mit notierten Ziffern und Buchstaben auf Papier zu spielen sei und so, dass sich niemand dabei ein Quadrat mit 64 Feldern vorgestellt hätte. Ohne Brett spiele man nun ohne eine faktenbindende Grundlage mit einer willkürlich veranlassten Verabredung oder bestenfalls Satzung. Das Schachspiel findet auf rein abstrakt zu erfassender Ebene statt, da den einzelnen Zügen das sich verknüpfende Bild fehle.

Dabei ist es klar, dass diese neue Illustration von Spielregel nur ein schwer übersehbarer Symbolismus wäre, welcher, im Gegensatz zum Brettspiel, kaum noch zu durchschauen wäre. Symbole sind als Ideenträger nichts weiter als bekannte Zeichen mit je zugewiesenem Funktionshintergrund, wie z.B. Zahlen und Ziffern, das Alphabet, Worte und Begriffe, Fahnen, Embleme aller Art und Weise.

Vergleiche man darüber nun die, zur gleichen Sache über Internetforen ausgetauschten Informationen zu unserer heutigen Welt und Politik, welche ebenfalls nur symbolhaft artikulieren und sich damit für den Empfänger nur hypothetisch darstellen können. Alle verfertigten Äußerungen dieser Art, ob in sozialen Plattformen oder in allen anderen informativen Medien, sind privat abgesonderte Meinungen weil, wegen eigenfehlender persönlicher Wahrhaftigkeit ursächlichen Inhalts und Zustandekommen, nur wenige Personen an der Tatsächlichkeit des beschriebenen Ereignisses dabei gewesen sind. Echte Evidenz existiert also nur in einem bleibendem Mini-Mikrorest von Zeugenstand. Alle anderen Teilnehmer üben sich zur gleichen Sache in Bild, Ton oder Text lediglich am reinen Symbolismus ab und glauben damit, etwas Wesentliches zum Weltpolit-Spiel oder gesellschaftlich, in welcher Mitteilungsform auch immer, beizutragen.

So bleibt lediglich der Markt von Meinungen. Bedauerlich ist hierbei nur, dass die ständigen Wiederholungen in den Social Media zur gleichen Sache, wenn u. a. auch mit ähnlichen oder anderen Begriffen, sich zu einer Scheinwahrheit manifestieren. Der anfangs zu Corona-Beginn greifende Toilettenpapier-Symbolismus ist prägendes Beispiel dafür: Die WC-Papier-Panik war eine Krise der Rationalität. Mögen die Akteure dieser Follower-Gemeinden zumeist nur Selbstdarstellungswünsche treiben, ist dieser Austausch gemeinschaftlich als gesellschaftlich-kulturelle Prozess dennoch eben nicht bedeutungslos, denn deren Inhalte werden subversiv dennoch breitenwirksam, wenn nicht im spürbaren Teil gesellschaftsprägend.

Durch die Menge und Masse des, auf den vielerlei sozialen Plattformen zum gleichen Thema Abgesonderten, moderiert sich eine gesellschaftstreibende, wenn nicht prägende Substanz. Es ist wie in Homöopathie und Pharmazie: Nur die Menge wirkt das Gift  ̶  aber potenziert sich zu einer Kraft, welche sich zu gesellschaftspolitisch bedeutsam wirkender Symbolik schafft, obwohl nur eine Minderheit um ursächliche Fakten authentisch wisse; sieht man von Naturereignissen und Katastrophen einmal ab. Das ist unsere neue „kulturelle“ Qualität und darum nennt man unsere Moderne die Postfaktische Zeit.

Seit die Aufklärung, die im antiken Griechenland begann und ihre europäische Renaissance im späten 15. Jhd. fand, hat sie den Menschen aus dem Sumpf von Adel und Klerus befreit und damit erfolgreich um das Individualitätsbewusstsein des Einzelnen gerungen. Ein jeder ist sich seines Eigenwertes höchst bewusst   ̶  Integrität und Ich bin das Besondere.

Der Zweck der Aufklärung war, den Menschen aus seiner Unmündigkeit zu befreien. Mit bisher erreichten demokratischen Verhältnissen wurde freiheitliche Ausbildung von Integrität weitestgehend erreicht, doch das Ziel scheint missverstanden zu werden, denn wir leben in einer Krise der Rationalität, da Fakten fehlen  ̶  da Postfaktische Zeit. Doch die Aufklärung lieferte ein, wenn auch anspruchsvolleres  zusätzliches „Schutzprogramm“ zum Erreichen von Wahrheit  ̶   oder besser von Wahrheitswerten, mit.

Von vorsokratischer Korrespondenztheorie, (Wahrheit als Übereinstimmung von Denken und Sein) über die Evidenztheorie (Wahr ist, was ich klar und deutlich einsehe: Descartes / Hume) bis hin zur heute zeitgemäßen und allgemeingültigen Konsenstheorie (Es gibt keine objektive Wahrheit, sie muss abgeklärt werden). Also eine Übereinstimmungstheorie unter mehreren Subjekten: Wahrheit ist das, auf was sich eine Gruppe, unter Einhaltung klarer Gesprächsprinzipien, gerade noch einigen kann! Dann ergibt sich, statt mangelnder singulärer Fakten, ein Wahrheitswert aus einem geregelten Diskurs, der aus dem Allgemeinen (mehrere oder zahlreiche Teilnehmer) das Besondere, den herrschenden Wahrheitswert ermittelt. Wir sind damit wieder bei demokratischen Verhältnissen und ganz im Sinn gesamten geschichtlichen Aufklärungsprozesses.

Doch aus individuell von den Teilnehmern getragenen Pseudofakten den gemeinsamen Wahrheitswert zu ermitteln, ist mühsame Arbeit von Rede und Gegenrede, schriftlich Verfasstem und dessen Beantwortung, Sammlung von Argumenten mit deren Verwerfen oder kontrolliert Bleibendem. Und hier zeigt sich die Schwäche von Social Media. Diese Arbeit kann sie nicht leisten, wie eine unscheinbare  Formel beweist.

Um Informationen auszutauschen, muss man kommunizieren. Nehmen mehrere am simultanen Austausch teil, entsteht aus deren Koppelungen ein Netz; ein Netzwerk. Je mehr Informanten, umso verstrickter ist das Gewebe. Folgende Gleichung beschreibt die sich einstellenden Menge erforderlicher Bindungen.

Anzahl aller Kommunikationswege m = n (n-1) / 2, wobei n die Zahl der gekoppelten Teilnehmer ist. Eine einfache Probe möge die fast explosionsartige Vermehrung der Wege bei steigender Teilnehmerzahl zeigen. Sagen wir es sind 5 Teilnehmer am wahrheitswertfindenden Prozess beteiligt: 5(5-1) / 2 = 10 Info-Wege. Demgemäß bei 12 Teilnehmern = 66 Info-Wege. Schnell wird evident, dass Wahrheitsfindung durch Social Media einem Phantasma gleicht, denn Überzeugungen sind auch nur ein festgefahrener Glaube. Man konsumiert Information, doch diskursive Wahrheitsermittlung bleibt ein Traum. Das „Schutzprogramm“ der Aufklärung findet hier sein systembedingtes Desaster.

Statt rationaler Gründung aus argumentativen Prozessen vermehren sich nun  lediglich emotional weitergetragene Meinungen. Schnell sind diese ideologisch angereichert. Dann übt man sich am manipulativen Spiel, um zu polarisieren. Manch Influencer scheut sich nicht, Andersdenkende einzuschüchtern, bloßzustellen, zu diffamieren, ja, in anonymen Postings zur Treibjagd aufzurufen um abzustrafen. Hier die heimliche Macht der Menge, dort die offene Straßendemonstration. Auf beiden Feldern pocht selbstgerechte Integrität auf nur Geltung eigenen Weltverständnisses, alle anderen sind nur abseits manipuliert und Opfer, welche zu retten sind!

Echte Fakten werden nicht mehr gebraucht! Jeder hat das Recht auf eigene Meinung, aber nicht auf eigene Fakten, denn es gibt keine alternativen Fakten! Fakten sind per Definition Tatsachenwahrheiten!!! Doch argumentativ abgesicherter Austausch ist fern mehrheitlich gelebter IT-Praxis  Wir sind, außerhalb ernsthaftem Diskurses, beim allseits pluralistischen Geraffel. Quo vadis  ̶  Aufklärung?

Ingo R. H. Treuner

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